23. April 2011

Lektionen der Liebe


"Liebes Tagebuch, es ist wieder so weit. Der Valentinstag naht und ich werde hoffnungslos romantisch!" In der Folge versucht Daisy, den nicht besonders motivierten Donald seine romantische Ader mithilfe des bekannten Schriftstellers und Radiomoderatoren Nils Nutella entdecken zu lassen - aber am entscheidenden Tag kommt alles irgendwie anders...

Kari Korhonen ist ein Phänom, gelingt es ihm doch immer wieder, aus den altbekannten Figuren aus Entenhausen Neues herauszuholen und unerzählte Geschichten zu erzählen. Damit steht er unter seinen Autorenkollegen bei Egmont ziemlich alleine da; denn wirklich gute Autoren sind selten. Hier nimmt er auf zwölf Seiten die Beziehung zwischen Daisy und Donald auseinander und fügt sie wieder zusammen.


Das besondere daran ist die Form, in der er erzählt. Natürlich gab es immer schon Storys in denen die verzweifelte Daisy versucht hat, ihrem Verlobten Romantik einzubläuen, aber ohne geniale Einfälle blieben das nur plumpe Versuche seitens der Autoren, ein bewährtes Muster zu kopieren. Was läge also näher, als Daisy die Geschichte selbst erzählen zu lassen? Diese Form kennt man als "Geschichten aus Daisys Tagebuch", davon gibt es schon einen ganzen Haufen aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen. Leider verleiten die Tagebucheinträge allzu leicht zu schalen, unfairen Witzen auf Kosten von sonst schon geschädigten Personen. Aber wenn man es richtig anstellt...man muss nur die Stärken der Tagebuch-Geschichten aufspüren und anwenden! Hier liegt ein Comic vor, der sehr stark von seinem literarischen Rahmen geprägt ist, will heissen, er ähnelt mehr einem Buch als man erwarten könnte. Besonders in den Schlüsselmomenten setzt Korhonen ganz auf Daisys Nacherzählung, statt gross mit Dialogen zu arbeiten. Sowieso sind die ziemlich zurückgenommen, womit das Augenmerk stärker auf das Bild gelenkt wird, dass die Handlung ausdrückt und vom Text höchstens noch unterstrichen wird. Auch die einzelnen Panels sind geschickt gemacht, sie sind nicht überladen sondern reduziert auf das Wesentliche, womit die einzelnen Regungen besser zur Geltung kommen. Das alles führt dazu, dass die Charaktere glaubwürdig erscheinen und sich einem auf ungeahnte Weise nähern. Insgesamt ergibt das ein absolut stimmiges Porträt, das zum schmunzeln verführt und voller kleiner überraschender und anrührender Momente steckt.


Und mehr kann man dazu gar nicht sagen. Glücklicherweise hat Korhonen seine Geschichte selbst gezeichnet, wer weiss, was aus dem Comic geworden wäre, wenn sie ein anderer illustriert hätte? Wohl kaum eine so einzigartige Geschichte wie diese. Sie unterscheidet sich im Stil von all den gewöhnlichen Storys und gerade das ist es ja, was die Meister von den anderen Künstlern unterscheidet: sie pflegen einen eigenen Stil.



aus: MM XXL 2, November 2008

8. April 2011

Das Geheimnis des Alten Ben


Minni besucht gemeinsam mit Micky nach Jahren ihre Tante Walli und ihren Onkel Elritz in Brassenbach, einem idyllischen Angelort. Allüberall präsent ist die Legende um den Alten Ben, einen riesigen Hecht, den Elritz als einziger je gesehen haben will. Dann steigt das grosse Wettangeln...

Es gibt Geschichten, die punkten gar nicht durch aufwendige oder durchdachte Plots, sondern einfach durch Charme, und dieses Talent besitzen nicht nur die charismatischen Künstler, sondern auch weniger bekannte Köpfe. Dazu braucht es nicht viel, aber kommen einmal einige der Ingredenzien zusammen, kann schnell ein unspektakulärer, liebevoller Comic entstehen.

Liebevoll ist gerade das richtige Stichwort. Dazu gehören in diesem Beispiel der Ort der Handlung und der zeitliche Hintergrund. Minni besucht nach langer Zeit wieder ihre Tante und ihren Onkel, bei denen sie als kleines Mädchen die Sommer verbracht hat, in einem kleinen Nest, dessen Leben ganz auf den See ausgerichtet ist, an dem es liegt. Minni trifft allenthalben auf alte Bekannte, Orte und Geschehnisse aus ihrer Erinnerung - klar, dass das eine besondere Atmosphäre erzeugt, den Zauber von Kindheitserinnerungen, den wohl jeder kennt. All diese Aspekte werden porträtiert, nahtlos aneinandergereit und darin die tatsächliche Geschichte eingebettet. Mit dreissig Seiten nicht gerade besonders lang, entsteht genau aus diesen Gründen dennoch eine erstaunlich dichte Atmosphäre. Man spielt mit verschiedenen Motiven, seien es jetzt die lokalen Eigenheiten und Örtlichkeiten, oder die Handlungselemente und Twists. Das alles vermengt sorgt für ein lockeres Leseerlebnis.


Der Augenmerk liegt besonders auf den Figuren. Minni kennt den Ort Brassenbach noch gut aus ihrer Kindheit, aber Micky muss erst einmal darin eingeführt werden. Er muss den fish-out-of-water-Typus einnehmen, wo er der einzige Fremdkörper ist und diese neue Welt mit ihren Bewohnern und Regeln erst einmal kennen lernen muss. Zwar bildet Minni den Rahmen der Geschichte - sie ist der Grund für den Besuch, sie kehrt zurück an einen ihr bekannten Ort - aber dort nimmt dann Micky wieder eine recht grosse Rolle ein. Anders als in üblichen Geschichten muss er sich beweisen in seinem neuen Umfeld; er gerät in Situationen und an Leute, die er noch nicht einschätzen kann, während Minni im vielleicht einmal mit Rat zur Seite steht. Von der Charakterzeichnung ist der Comic anspruchsvoller und interessanter als die meisten anderen Geschichten mit diesen Personen - Micky wird nicht oft in die Wüste geschickt, das macht dieses Szenario so ungewohnt und spannend.
Dort muss er sich dann vor allem mit Onkel Elritz herumschlagen. Hauptmotiv und Leitthematik ist das Angeln - absolut klassisch für Disney-Comics, wenn auch eher in den Vierreihern angesiedelt - und da kommt er nicht um den Onkel herum, der ihm die nötigen Kniffe zeigt, und nicht zuletzt auch die einzige Quelle für die Legende um den Alten Ben ist. Anfangs wird Micky noch mehrheitlich als Fremdkörper wahrgenommen, und er muss selber lernen, wie er sich besser einpassen kann; dabei braucht er eine Menge Glück, lässt aber auch nicht jedes Fettnäpfchen aus...das ergibt ein angenehm subtiles und mehrdimensionales Bild von der Figur, die wir so gut kennen.

Die Zeichnungen unterstreichen sehr schön die Geschehnisse. Sie tendieren öfters zu rundlichen Formen, welche die etwas verschlafene Stimmung bestens illustrieren. Viele Details laden zum schmöckern ein, beispielsweise die äusserst strubbeligen Frisuren der Mäuse. Gleichzeitig sind die Bilderfolgen schön komponiert, gemeinsam mit den sorgfältig gewählten Bildausschnitten und Perspektiven erwecken sie die Handlung zum Leben, sodass man richtig in sie eintauchen kann - keineswegs ein Selbstverständnis bei Comics, aber hier sehr gut umgesetzt. Ein Beispiel dafür mag das doppelseitige Startpanel nach dem kurzen Prolog sein, ein wundervolles Bild, wie man es selten findet; aber solch toll bebilderte und adrett choreographierte Szenen gibt es auf jeder Seite.
Eine schöne, verträumte Sommergeschichte, die von ihrer Atmosphäre und den authentischen Figuren lebt.


aus LTB Ostern 2, Februar 2010

27. März 2011

Das verlorene Medaillon


Donald und die Kinder durchwühlen den Dachboden auf der Suche nach verkaufbaren Altwaren. Dabei stossen sie auf eine alte Seefahrerkiste, aus der urplötzlich ein waschechter Matrose auftaucht: Dolf, ein früherer Duck, wurde aus dem Kopenhagen des Jahres 1719 in die Zukunft geschleudert, weil er auf der Suche nach seinem verlorenen Medaillon - man ahnt es - an Tankred Tysendrieb geraten ist. Dessen Äquivalent in der Entenhausener Gegenwart schickt nun die erweiterte Familie Duck auf eine Reise durch das Skandinavien von heute und gestern, um Dolfs Medaillon wieder ausfindig zu machen...

Nachdem zu Beginn des neuen Jahrhunderts Don Rosa das Zeichnen aufgab und auch William van Horn und Marco Rota sich keine grossen Geschichten mehr erdachten, tat sich bei Egmont erst einmal eine Lücke auf. Bis auf diese Einzelkünstler war man sich in Dänemark nicht an längere Geschichten gewohnt - so gibt es seit 2000 gerade einmal sechs Geschichten mit mehr als sechzehn Seiten, an denen nicht irgendwie grosse Namen wie Barks, Rosa, Rota, van Horn, Scarpa oder Branca beteiligt waren, wenn wir erst einmal nur von den Duck-Geschichten reden. Die Lage bei den Mauscomics sieht ähnlich aus, wobei man da von einem Normalzustand sprechen kann, da in Dänemark nie viele lange Geschichten mit Micky produziert worden waren - mit Ferioli hat man nun einen zuverlässigen Lieferanten von guten Maus- und Crossover-Comics, der erst noch im Stile Gottfredsons arbeitet.
Aber die Zeichen verdichten sich, dass Egmont sich nun wieder verstärkt auf diesen lange sträflich vernachlässigten Bereich konzentriert! Gute Zeichner hat man auch in dieser Generation, woran es fehlt, sind engagierte Autoren. Und ohne grandiose Einzelkünstler, die im Alleingang ihre Werke hervorzaubern, braucht man solche Autoren. Diese Stelle kann beispielsweise Tormod Lokling ausfüllen, an sich Redakteur in Kopenhagen, der aber in jüngerer Vergangeneit auch selbst zum Stift gegriffen hat. Er hat sich die mit 28 Seiten bisher längste dieser neuen Geschichten ausgedacht, und Arild Midthun hat sie gezeichnet.


Das Thema, um die die ganze Geschichte kreist, ist die Zeitreise. Es handelt sich aber nicht um eine einfache Zeitreise, wie sie schon öfters im Mittelpunkt gestanden hat, also nach dem bekannten Prinzip "ab in die Vergangenheit" - "Abenteuer erleben" - "wieder zurück in die Zukunft". Nein, das wäre zu einfach; diese Geschichte ist um einiges vielschichtiger. Das Hauptziel der fünf Ducks ist es ja, das verlorene Medaillon von Dolf wiederzufinden. Dafür ergeben sich allerdings verschiedene Möglichkeiten - sie beschliessen, mit Düsentriebs Zeit-Raum-GPS lieber nicht in die Vergangenheit einzutauchen, sondern in der Gegenwart des Jahres 2011 nach Hinweisen zu suchen. Also eigentlich eine Raumreise, keine Zeitreise, wobei natürlich an Anfang und Ende der Geschichte dennoch ein Zeitsprung steht, nämlich jener von Dolf. Zeitreise ist dennoch eine passende Beschreibung für diesen Comic, zwar wird nicht wörtlich in der Zeit herumgereist, dafür aber tauchen die fünf Ducks in die Zeit ihres Vorfahren ein: den grossen nordischen Krieg von 1709 bis 1719, an dem Norwegen, Schweden und Dänemark beteiligt waren. Und so suchen sie jeweils diese Orte auf, genauer gesagt die Museen in Oslo, Stockholm und Kopenhagen. Dabei erinnert sich Dolf jeweils lebensnah an seine Erlebnisse aus diesem Krieg, die dann schlussendlich zum Auffinden des Medaillons führen.

Es ist wohl kein Zufall, dass diese Geschichte so explizit in Skandinavien spielt. Diese Thematik beherrscht ansonsten ausser Rosa kaum einer, er war einer der wenigen, der seine Helden meist an reale Orte mit realen historischen Hintergründen reisen liess; im Gegensatz zu den ansonsten eher einfach und naiv aufgebauten Abenteuern, die austauschbare lokale und historische Daten benutzen, oder Orte und Personen erfinden oder diese nur blass umreissen. Es ist unheimlich erfrischend, so ein Vorgehen auch einmal bei anderen Künstlern zu sehen und wenn die es richtig tun, dann kann diese distinktive Umgebung nur bereichernd sein; denn sie hebt die Geschichte aus der Aura der Bedeutungslosigkeit und Beliebigkeit und macht sie zu etwas besonderem.



Um aber zum Ausgangspunkt zurück zu kommen: warum ausgerechnet Skandinavien? Ganz einfach: Lokling und Midthun sind beide Norweger und die Skandinavier ganz allgemein sind wohl die Leserschaft, die am meisten auf Disney-Comics steht. So wundert es gar nicht, dass in den letzten paar Jahren immer mehr Künstler aus dieser Gegend dazu gestossen sind, obwohl Skandinavien eigentlich zwar Hauptquartier von einem der beiden wichtigsten Produzenten in Sachen Entenhausen ist und eine grosse, treue Lesergemeinde hat; die eigentlichen Künstler sich aber meist aus allen möglichen anderen Regionen Europas und der Welt rekrutieren. Korhonen dürfte der bekannteste und einer der ersten Vertreter dieser neuen Generation sein, die sich jetzt ihre Lieblingsgeschichten auch selber bastelt. Andere, die noch nicht so sehr bemerkt wurden, machen einen immer grösseren Teil vorallem im Autoren-Kontingent von Egmont aus. Es kann der Produktion nur gut tun, wenn neuer Input von engagierten Leuten kommt, gut möglich, dass da die Zukunft der Vierreiher heranwächst.

Seine Chance als Redakteur hat Lokling genutzt und eine Story geschrieben, bei der der spezielle Lokalkolorit einen gewichtigen Teil ausmacht. Zeit und Ort sind genau definiert und die lokalen Eigenheiten werden für Witze missbraucht, die die nördliche Leserschaft wohl noch mehr als uns freuen dürfte: die Schweden sind quasi immer die Bösen und das aufgeklärte Völkchen von heute zeichnet Politiker mit Namen wie "Barnabas Obandito" mit ihrem Friedensnobelpreis aus und sagt Sätze wie "Ein Swede ist sdets neutral." oder "In Situationen wie dieser sdeck ich einfach meine Hände in die Tassen!". Ganz zu schweigen von den Dänen mit ihrer speziellen Bauweise, die so abstrus ist, das man sich beim lesen schon gar nicht mehr in einem Disney-Comic wähnt, so scharfzüngig sind die Verweise hier.


Auf den Punkt gebracht macht die Detailverliebtheit dieser Geschichten in allen Belangen ihren Reiz aus. Man kann sie immer und immer wieder lesen und langweilt sich dennoch nicht, weiss nicht schon Seiten im voraus, was jetzt kommt und entdeckt neue Details oder alte Eigenheiten neu. Das fängt beim Plot an - rasche Ortswechsel werden kombiniert mit lebendigen Rückblicken - und setzt sich mit dem Artwork nahtlos fort. Midthun bringt viele Details in seine Panels, behält aber immer das Wesentliche im Auge und ordnet die zahlreichen Objekte passend drum herum an. Dazu pflegt er einen eigenen Stil, der perfekt zu einer abenteuerlichen Geschichte wie dieser passt. Die Basis ist auch bei ihm der klassische Stil von Barks, man erkennt aber vielfach ganz eigene Einflüsse. Die Inszenierung ist tadellos und enthält bisweilen die benötigte Dynamik, ohne jedoch zu übertreiben oder beliebig und ziellos zu wirken. Besonders der finale Rückblick bringt das alles wunderbar zusammen, die Handlung, den historischen Hintergrund, die Action und die Charaktere. Mit dem Verzicht auf Dagobert konzentriert sich Lokling auf das Wesentliche, die Story kann sich straightforward entwickeln. Dolf ist ein zweiter Donald, aber die beiden kommen sich nicht etwa in die Quere, sondern ergänzen sich und wirken viel mehr wie Brüder, die sich schon lange kennen. Die Geschichte will auch gar nicht die Charaktere genauer ausloten, sondern vielmehr schnörkellose Unterhaltung bieten, und das gelingt ihr auf konstant hohem Niveau. Sie kann rasant erzählt über viele Seiten hinweg überzeugen. Bleibt nur noch die Hoffnung, dass Egmont das gezeigte Potenzial weiter ausnutzt!


aus TGDD 286, März 2011

13. März 2011

Einmal im Jahr


Donald verträgt seine Geburtstage nicht - als es wieder einmal so weit ist, stolpert er auf dem Dachboden auf sein Fotoalbum. Er erinnert sich an vergangene Geburtstage, während Tick, Trick und Track verzweifelt nach ihrem verschwundenen Onkel suchen...

Auch wenn es nicht gerade eine runde Zahl ist, werden Geburtstage von wichtigen Figuren jährlich in wohl mindestens einer Geschichte gewürdigt, in der eben jene Person auf irgendeine Art und Weise mit dem Thema Geburtstag konfrontiert wird. Ein Beispiel von Rota haben wir vor kurzem hier gesehen; vor mittlerweile drei Jahren hat Kari Korhonen seine Variante erzählt. Der Finne, der es besonders als Autor in den letzten Jahren zu einem der vielgelobten Shootingstars der neueren Egmont-Künstler brachte, hat hier auch selber zum Zeichenstift gegriffen.

Als reiner Autor ist es einigermassen schwierig, zu einem hohen Ansehen zu kommen, und in der Gruppe der Namen, die mit ihm in einem Zug genannt werden wenn es um die Garde der aktuell besten und interessantesten Künstler geht, die für Dänemark arbeiten, ist er der einzige, der durch seine Storys bekannt geworden ist. Seit einigen Jahren zeichnet er auch ab und an einige Geschichten, oft seine eigenen - das war schon immer ein ganz besonderes Qualitätsmerkmal, Autor und Zeichner in Personalunion heben sich rein technisch schon von der mehr oder minder gelungenen Massenproduktion ab, mit der diese Comics geschaffen werden. Aber die zeichnerische Seite ist nicht das Hauptgewicht in seiner Waagschale. Sein Artwork ist tadellos, technisch einwandfrei und pflegt einen - besonders wichtig - eigenen Stil; aber als Zeichner erreicht man eher eine Grenze, ab der man sagen kann, dass sich nichts mehr verbessern oder hinzufügen liesse, weswegen diese Seite gar keine so überragende Bedeutung hat. Wenn ein Zeichner schon gut ist, dann rundet er ein Werk noch ab oder steigert es noch ein Stück, aber ab einem bestimmten Niveau muss man auf das Artwork gar nicht mehr besonders eingehen, man kann es als gegeben betrachten, es ist auf seine Art ideal so wie es ist.


Anders verhält es sich beim Storytelling. Zeichner sind nicht nur bekannter und einprägsamer, weil sie den auf den ersten Blick auffälligeren Teil eines Werkes prägen, sondern weil sie unter bestimmten Voraussetzungen leichter ein Niveau erreichen, ab dem man sie als besonders oder bemerkenswert errachten kann. Autoren haben es da schwieriger. Es ist nicht leicht, einen besonderen Plot abzuliefern, und das gleich dutzendfach, es ist nicht so leicht wie für die Zeichner, einen Stil zu bilden, in Erinnerung zu bleiben. Es braucht schon mehr, um sich von der Masse der Produzenten abzuheben und zu einem Merkmal für Qualität zu avancieren. Und, man hat schon erraten, auf was es hinausläuft: Korhonen ist so einer. Genauer gesagt der einzige unter den aktuellen Autoren, oder mindestens der stärkste. Und auf die Geschichte der dänischen Produktion ausgeweitet möglicherweise sogar der einzige überhaupt, lässt man die Solokünstler (Rosa, van Horn, Rota) weg. Aber das lässt sich vielleicht auch erst in zehn, zwanzig Jahren sagen, vielleicht hat die zeitliche Distanz bis dann all die Lobhudeleien wieder überwachsen und Korhonen geht als ein bemerkenswerter Autor in die Annalen ein, und nicht als überragender Fixstern. Würde er sich in Zukunft noch stärker oder sogar ausschliesslich auf die Soloarbeit konzentrieren, würden die Chancen auf jeden Fall wachsen. Denn an herausragenden Solokünstlern fehlt es Egmont in dieser Generation etwas, und somit auch an Namen, die auch in einiger Zeit noch im selben Atemzug mit ihren Vorbildern früherer Generationen genannt werden können. Aber für einen Solokünstler braucht es nicht nur nur mehr Fähigkeiten, diese Arbeitsweise dürfte auch weniger der Produktion beim Verlag entsprechen, wo es weitaus einfacher ist, wenn ein Autor am Fliessband Storys schreiben kann und weiss, dass sie einem Zeichner zugeteilt werden und ein Zeichner am Fliessband Storys zeichnen kann und weiss, dass welche für ihn bereitliegen.


Ungeachtet dieser Spekulationen hat Korhonen bereits exzellente Arbeiten abgeliefert, und auch diese sticht hervor. Die Geschichte sprüht vor Warmherzigkeit, und das gehört ja wohl zu einem Jubiläum, aber selbstverständlich ohne langweilig oder kitschig zu sein. Das Fundament legt die Idee, Donald seine alten Geburtstage durchdenken zu lassen. Er ist ein wahrer Geburtstagsmuffel - schliesslich erinnert ihn dieser Tag höchstens daran, dass er wieder ein Jahr älter geworden ist, und das ist hier und heute meist keine Leistung mehr und macht die Institution eines Geburtstages irgendwie an sich schon lächerlich. Der ultrasarkastische Originaltitel "Another One For The Album" zeigt das deutlich. Dennoch erinnert er sich wohlig schmunzelnd mit dem Fotoalbum in der Hand an die vergangenen Male, und es gibt tatsächlich einen Grund für ihn (und das gilt natürlich für uns alle!), sich dennoch an seinem Geburtstag zu freuen: das ist die ehrliche Freundschaft seines Umfeldes, etwas greif- und erlebbares, das Bedeutung hat und keine abstrakte Zahl ist. Man könnte schliesslich an jedem möglichen Tag Geburtstag feiern, wer erinnert sich schon an seine Geburt...
Zum besonderen Verdienst Korhonens gehört auch die Art und Weise der Darstellung dieser Ereignisse. Er zeichnet klar und pointiert, nicht überladen, sondern versteht es wie wenige, in jedem Panel die jeweilige Aussage des dort geschilderten Vorganges genau zu illustrieren. Besonders die wortarmen Bilder mit einem einzigen Satz sind dadurch stark und lassen den Leser auf den Boden kommen. Das mag wie ein unscheinbares, übertrieben dargestelltes Detail erscheinen, macht aber genau den Unterschied aus zwischen dieser Geschichte und einem normalen Comic: man ist viel näher dabei. 

In dieser Geschichte kommen oft Bilder mit traurigen Gestalten vor. Sie sitzen oder stehen da, leicht nach vorne gebeugt, der Blick nach oben oder halb verschlossen, die ganze Kontur wie ein kleiner, in sich gekrümmter Sack, hinter ihnen einen Schatten. Man kann die Situation kaum passender und schöner zeigen. Auf diese Art wird jeweils Donald von seinem Umfeld an seinen Geburtstagen wahrgenommen, dabei zeigt die Parallelmontage zwischen Donalds Erinnerung und den Anekdoten seiner jeweiligen Betreuer genau, was schon weiter oben erwähnt wurde: was sein Glück und seine Zufriedenheit an diesen speziellen Tagen ausmacht, die so sehr zum Nachdenken über sich selbst anregen, ist der Kontakt mit den Menschen, die er gut kennt. Und zu dieser Erkenntniss kommt Donald an jedem Geburtstag, auch wenn das eben jene Personen nicht immer wirklich direkt mitbekommen...



aus TGDD Spezial 13, April 2009

26. Februar 2011

Familiengeheimnisse


Donald wird von seinem Onkel an dessen Anwesen am abgelegenen Mummelsee beordert. Dort suchen sie zu fünft nach Onkel Dietram, der mit fünf Zigaretten und einem Kanu auf dem kleinen See spurlos verschwunden ist. Und jedes mal wenn ein weiterer Stummel auftaucht, fällt Dagobert dem Wahnsinn anheim...

Wenige Autoren dichten in ihren Werken neue, wiederkehrende Figuren hinzu - wenn, dann aber meistens mit Erfolg, mindestens auf Seiten der Qualität. Rosas Schwarzer Ritter ist so ein Beispiel, oder Castys Tabea Trifftig, und die Figur des Onkel Dietram von William van Horn reiht sich nahtlos da ein. Diese Charaktere mögen zwar nicht erfolgreich sein in dem Sinne, dass sie von anderen Künstlern aufgegriffen werden oder sogar zu einem mehr oder minder festen Bestandteil des Universums werden, aber das braucht es vielleicht auch gar nicht. Ohnehin ist dieses Kunststück seit den Zeiten von Barks nur ganz wenigen Figuren gelungen, die bekanntesten Beispiele sind sicher Phantomias und Gitta Gans, auch Klaas Klever könnte man halbwegs dazuzählen. Aber auch diese beschränken sich vornehmlich auf Italien, wobei man also nicht von einer festen globalen Verankerung im Universum der Disney-Comics sprechen kann - bestimmt auch ein Zeichen dafür, dass eine Erweiterung der Charakter-Palette nicht notwendig ist; mit den Figuren von Barks lässt sich hervorragend arbeiten, und eine unnötige Überbevölkerung ist ja auch nicht das Ziel. Nichtsdestotrotz sind solche behutsamen Erweiterungen bisweilen sehr interessant, und dass sie nur von ihrem Erschaffer verwendet werden, reicht auch vollkommen aus: die Figur bekommt eine sehr persönliche und unverwechselbare Note, da sie nicht inflationär benutzt und von mehreren Stilen geprägt wird. Vorallem bleibt sie immer noch etwas besonderes, wenn ihre Auftritte überschaubar sind. Sie gehört nicht zum Standardrepertoire, ihr Auftauchen bedeutet noch immer etwas aussergewöhnliches. Es entsteht quasi ein Mikrokosmos, um diese Figur herum, die allein von einem Autoren verwendet wird.


Dieses Beispiel ist die dritte von heute 15 vorhandenen Geschichten mit Dietram Duck, und die erste von zwei längeren Geschichten. In den beiden ersten Comics, Mitte der 90er, wurde Dietram von van Horn eingeführt und charakterisiert. Die Familie Duck hat ihn als einen der zahllosen Onkel kennengelernt und noch bevor er dem Leser zum ersten mal vorgeführt wird, bekommt man von den ächzenden und stöhnenden Ducks einen Eindruck von ihm. Dietram ist spannungsgeladener Charakter. Man kann ihm mit einem Wort beschreiben: dreist. Er bewegt sich nicht gerne und liebt gutes Essen, aber exzessiver als Donald - und vorallem kümmert er sich einen Dreck um seine Verwandten. Die sind für ihn quasi Erfüllungsgehilfen seiner Bedürfnisse. Das ergibt enorm viel Reibungsfläche und macht ihn auch unverwechselbar. Er kennt keine Trauer oder Reue, er ist nie schlecht drauf; nicht dass er kriminelle Energien Besitz oder Pläne schmiedet, dafür ist er sich zu Schade. Vielmehr lässt er sich treiben und genauso begegnen wir ihm im Prolog dieser Geschichte. In wenigen Worten und einer filmischen Szenerie wird er wieder vorgestellt, dann begegnen wir ihm für die nächsten elf Seiten nicht mehr.


Erzählt wird stattdessen, wie Dagobert Donald und die Kinder aufs Land ruft, um nach dem Davongetriebenen zu suchen (eingeleitet durch ein denkwürdiges Auftaktpanel à la Barks-Tenpager). Ihnen ist nicht wirklich klar, warum Dagobert so versessen nach ihm sucht, immer wieder fallen zynische Sprüche, schliesslich hat niemand gerne Dietram um sich. Aber dennoch ist auch ihnen klar, dass sie ihn nicht einfach vermisst belassen können, was für Beweggründe Dagobert auch immer haben mag - man ist ja kein Unmensch. Dabei wird die Beziehung zu Dietram, dieser mehr als schwierigen Person, sehr subtil gestaltet. Bei van Horn ist kein Platz für Rührseligkeiten, es gibt keinesfalls eine Art Versöhnungs-Stimmung in der Familie. Dafür ist Dietram einfach nicht die richtige Person, und seine Verwandten wissen das natürlich auch. Hier funktioniert alles sehr viel pragmatischer. 


Enorm lesenswert machen diesen Comic - neben dem interessanten Figurenpersonal - das untrügliche Gespür des Künstlers für Spannung und Atmosphäre, verbunden mit seinen Zeichnungen. Und auch die Übersetzung von Peter "Daibi" Daibenzeiher trägt sehr schön zur Stimmung bei, mit ihren prächtigen Dialogen, die witzig, unerwartet und poetisch, aber nie erzwungen klingen. 
Van Horn baut die Story in einem einsamen Setting auf: ausser den fünf Ducks sieht man in den ersten beiden Dritteln keine anderen Personen, und auch dann wird nur leicht erweitert. Die Familie ist in der Natur auf sich alleine gestellt, Dagoberts Verletzlichkeit in dieser spezifischen Angelegenheit führt immer wieder zu kleinen Zerreisproben. Auch die Spannung stimmt. Zuerst weiss man gar nicht, was noch geschehen soll, wie die Ducks auf ihrer Suche da zwischen dem Schilf umherpaddeln, ohne die geringste Ahnung, wo das verlorene Schäfchen sein könnte, konfrontiert mit kryptischen Hinweisen und der Verschlossenheit von Dagobert.
Unverwechselbar bringt der Kanadier das alles zum Ausdruck. Sein Stil hebt sich deutlich von den gewöhnlichen Comics dieser Grössenordnung ab, bewegt sich locker-leicht in seinem Milieu. Man könnte sagen: van Horn zelebriert die Coolness der Ducks. Sie sind abgebrüht, nicht in dem Sinne, dass sie irgendwie knallharte Typen wären; man bekommt bei ihnen irgendwie zu spüren, dass nicht alles so dramatisch ist...die Leichtigkeit des Seins. Diese Einstellung ist bei jedem von van Horns Geschichten zu sehen, durch die knappen, aber präzisen Dialoge, die ungeschönten Bilder. Man muss nur einen Blick auf eine Seite von ihm werfen, schon fühlt man sich beruhigt. Und gerade in diesem Comic, wo so lange Ratlosigkeit herrscht, macht sich das besonders deutlich bemerkbar.

Zum Schluss wird dann das Rätsel gelöst, dass die ganze Zeit über im Hintergrund vorhanden war, und das der Geschichte den Titel beschert hat. Es muss hier nicht unbedingt erwähnt werden, obwohl dieser Comic bereits einen gewissen Bekanntheitsgrad geniesst und sämtliche folgende Geschichten mit Dietram in irgendeiner Weise mit diesem Fakt spielen. Die letzte Seite ist einfach zu schön gestaltet und zu gekonnt gezeichnet. Auf jeden Fall eine Besonderheit innerhalb der Disney-Comics, einen bestehenden Zustand so radikal umzukippen und dann weiterzuführen, selbst wenn es hier nur in einem eher bescheidenen Massstab geschieht...



aus Die Ducks - Eine Familienchronik, September 2010